Kinder stärken

Kinder Schutz

Kinder stärken –
Warum "Nein" ein gutes Wort ist

Kinder erforschen jeden Tag die Welt. Sie sind wissbegierig und nehmen alle Eindrücke und Informationen auf. Dies ist wichtig für ihre Entwicklung und den damit verbundenen Lernprozess. Früher oder später werden sie jedoch auch mit Gefahren konfrontiert.

Es ist unsere Aufgabe als Eltern, die Gefahren zu erkennen, unsere Kinder davor zu schützen, und ihnen gleichzeitig Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sie sich auf sichere Weise in der Welt bewegen und mit ihr interagieren können.

Kinder möchten mitentscheiden

Als erwachsene Personen, die schon viele Jahre in dieser Welt verbracht haben, erkennen wir es sofort, wenn sich ein Kind einer potenziellen Gefahrensituation nähert, und können eingreifen. Dennoch sollten wir die Kompetenzen unserer Kinder nicht unterschätzen, insbesondere dann, wenn es um ihren eigenen Körper geht. Nur das Kind selbst kann sagen, wie es sich fühlt, ob ihm etwas wehtut oder ob es Spaß an etwas hat.

Im Alter von ungefähr zwei Jahren, beginnt bei den meisten Kindern die sogenannte Autonomiephase. Eltern merken plötzlich, dass ihr Kind bereit ist, für sich einzustehen, seine Meinung kundzutun und Dinge abzulehnen. Was von älteren Generationen häufig als Trotz interpretiert wurde, sollte uns jedoch mit Stolz erfüllen. Denn ist nicht dieses Selbstbewusstsein das, was wir unseren Kindern langfristig wünschen? Selbstständig werden, eine eigene Meinung haben und Nein sagen zu können sind wichtige Kompetenzen eines jeden Menschen – egal welchen Alters.

Das Nein eines Kindes sollte daher ernstgenommen werden, auch wenn es in einer vermeintlich belanglosen Situation ausgesprochen wird. Denn auch wenn es uns nicht dramatisch erscheint, den grünen statt den roten Pullover anzuziehen, einen weiteren Löffel Suppe zu essen oder der Tante, die zu Besuch ist, ein Küsschen auf die Wange zu geben, kann es für das Kind dennoch sehr wichtig sein, dieses Nein zu kommunizieren. Hinter jedem Nein steckt ein Bedürfnis oder eine Emotion, die wahrgenommen werden möchte.

Es kann hilfreich sein, sich bewusst zu machen, wie wenig Entscheidungsfreiheit insbesondere Kleinkinder in ihrem Alltag haben. Eltern entscheiden über Schlafenszeiten, Essenszeiten, Kleidung und vieles mehr. Dem Kind die ein oder andere Entscheidung zu überlassen, zeigt ihm, dass es wertgeschätzt und gehört wird, und zeigt ihm gleichzeitig, dass die Eltern ihm zutrauen, altersgemäße Entscheidungen zu treffen.

Begegne deinem Kind auf Augenhöhe

Wird das Nein eines Kindes regelmäßig und wiederholt ignoriert oder gar heruntergespielt, fühlt es sich entmündigt und glaubt, dass seine Gefühle und Meinungen unwichtig sind – das Selbstbewusstsein des Kindes wird geschwächt. 

Statt dem Kind bedingungslosen Gehorsam abzuverlangen, sollte es daher unser Ziel sein, ihm die Entwicklung zu einem selbstbewussten Menschen zu ermöglichen, der für sich selbst einstehen kann. Dazu gehört die Entscheidungsfreiheit über den eigenen Körper und das Wahrnehmen der eigenen individuellen Bedürfnisse.

Wenn dein Kind das nächste Mal etwas nicht möchte, versuche ein Gespräch zu beginnen. Begib dich auf Augenhöhe mit deinem Kind, höre ihm zu und versuche herauszufinden, welcher Grund hinter dem Gefühlssturm oder der Ablehnung steckt. Manchmal sind die Gründe nachvollziehbar, auch wenn sie für uns Erwachsene nicht auf den ersten Blick ersichtlich waren.

Mit Empathie und Flexibilität durch einen entspannten Alltag

All dies bedeutet nicht, dass Eltern keine Regeln aufstellen dürfen und ihre Kinder alles entscheiden lassen sollen. Im Gegenteil: Als Eltern liegt es in unserer Verantwortung, einzuschätzen, welche Entscheidungen das Kind bereits treffen kann und welche nicht. Regeln und Routinen helfen vielen Kindern im Alltag, denn sie geben ihnen eine Struktur. Innerhalb dieser „Leitplanken“ hast du jedoch die Möglichkeit, flexibel zu handeln und auf die Bedürfnisse des Kindes einzugehen.

Ein Beispiel: Es gibt Tätigkeiten, die notwendig sind, aber von Kindern ungern ausgeführt werden, eines davon ist das Zähneputzen. Dass die Zähne täglich geputzt werden müssen, kannst du als Regel mit deinem Kind vereinbaren. Das Putzen könnt ihr in eure Morgen- und Abendroutine einbauen. Die Umsetzung sollte jedoch nie durch Zwang oder Festhalten erfolgen. Die Ablehnung des Kindes würde dadurch verstärkt und Fronten verhärten sich.

Wie wäre es stattdessen mit einer spielerischen Umsetzung dieser Tätigkeit? Oft hilft es auch schon, die Handlung auf einen anderen Zeitpunkt zu verlegen. Auf diese Weise wird das Kind ernstgenommen.

Tipp: Stelle dir folgende Fragen, egal welcher Konflikt, dir Bauchweh bereitet:

Muss es sein?
Ist die Antwort „ja“, stelle dir die nächste Frage. Ist die Antwort „nein“, starte eine andere Aktivität mit deinem Kind.

Muss es jetzt sein?
Ist die Antwort „ja“, stelle dir wieder die nächste Frage. Ist die Antwort „nein“, verschiebe den Zeitpunkt ein wenig nach hinten. Vielleicht klappt es in einer halben Stunde schon besser.

Welchen alternativen Handlungsweg habe ich, um zum Ziel zu gelangen? Für Kinder ist das Spiel besonders wichtig. Versuche die Handlung spielerisch umzusetzen. Besonders für das Zähneputzen gibt es viele kreative, spielerische Möglichkeiten, die dem Kind Spaß machen und gleichzeitig blitzsaubere Zähne als Ergebnis vorweisen können.

Wie kann ich meinem Kind stärken und es dabei unterstützen, für seine Grenzen einzustehen?

Kinder begegnen Gefahren nicht nur in einem eigenen Haushalt, sondern auch in der außerhäuslichen Lebensrealität. Neben der Schule ist das Internet ein Raum, in dem sich Kinder und Jugendliche mehr und mehr aufhalten. Kinder, die ihre körperlichen und psychischen Grenzen klar kommunizieren können, haben einen deutlichen Vorteil: Sie sind in der Lage, zu erkennen, wenn etwas nicht in Ordnung ist, wenn jemand eine Grenze überschreitet oder etwas tut, was offenkundig falsch ist.

Aufklärung und Stärkung der Kinder dienen nicht nur der Förderung von Selbständigkeit, sondern bieten auch einen Präventionsschutz gegenüber Missbrauch und sexuellen Übergriffen.
Folgende Tipps können dir dabei helfen, offen mit deinem Kind zu kommunizieren und es zur Selbstreflexion und Kenntnis des eigenen Körpers und der eigenen Bedürfnisse anzuregen.

Bereits im Kleinkindalter kannst du spielerisch alle Körperteile deines Kindes benennen. Dein Kind erweitert dabei nicht nur seinen Wortschatz, sondern lernt zudem den eigenen Körper kennen. Dies hat einen großen Vorteil: Wenn es sich verletzt hat oder krank ist, kann es genau benennen, was oder wo es ihm wehtut. Auch die Intimregion sollte dabei klar benannt werden.
Für den Fall, dass ein Kind ein Opfer von sexuellen Übergriffen geworden ist, ist es hilfreich, wenn es ALLE Regionen des Körpers benennen kann. Vor diesem Hintergrund kannst du deinem Kind in einem zweiten Schritt erklären, dass sein Körper nur ihm allein gehört, und niemand ihn anfassen darf, wenn das Kind dies nicht möchte – ganz besonders nicht an intimen Körperstellen!

Spielideen:

  • Du nennst ein Körperteil und dein Kind zeigt es dir – entweder am eigenen Körper oder in einem Buch.
  • Singe Lieder mit deinem Kind, in dem die Körperteile vorgestellt werden.
  • Schaut euch gemeinsam Kinderbücher über den Körper an.

Im Spiel kommt es immer wieder vor, dass Kinder (unbeabsichtigt) Grenzen übertreten. Du kannst deinem Kind helfen, die eigenen Grenzen und die Grenzen anderer kennenzulernen und zu wahren, indem du selbst kommunizierst, was du nicht möchtest. Kinder lernen durch Imitation, und als Elternteil bist du das wichtigste Vorbild für dein Kind. Sage es, wenn dir eine Handlung wehtut oder du etwas nicht tun möchtest. Dein Kind wird dadurch lernen, dass es in Ordnung und wichtig ist, die eigenen Bedürfnisse auszudrücken.

Ideen zum Lernen:

  • Lies mit deinem Kind Bücher, die sich damit auseinandersetzen, Grenzen zu ziehen.
  • Nimm dein Kind ernst und akzeptiere es, wenn es Nein sagt.
  • Bei Konflikten mit anderen Kindern kannst du als Vermittler auftreten. Erkläre den Kindern, dass es wichtig ist, es zu akzeptieren, wenn ein Kind seine Spielsachen nicht teilen möchte oder nicht berührt werden möchte.

Im Internet treffen Kinder auf einen öffentlichen, digitalen Raum. Zwar können sie hier mit ihren Freunden kommunizieren oder spielen, was ihnen große Freude bereitet. Doch es begegnen ihnen auch neue Gefahren. Es ist notwendig, die Kinder über die Gefahren aufzuklären und besonders bei jungen Kindern alle technischen Möglichkeiten auszuschöpfen, um das Kind im Internet zu schützen. Je jünger dein Kind ist, desto weniger Zeit sollte es im Internet verbringen. Sei offen und ehrlich und erkläre deinem Kind, dass es immer zu dir kommen soll, wenn ihm etwas merkwürdig vorkommt oder wenn es von fremden Personen kontaktiert wird. Die Vertrauensbasis zwischen Eltern und Kind ist vor diesem Hintergrund besonders wichtig. Insbesondere wenn Kinder ihre ersten Schritte im Internet tun, sollten Eltern kontrollieren, welche Seiten sie besuchen, welche Apps sie nutzen und mit wem sie in Kontakt treten. Der Ausbau der Medienkompetenz ist noch nicht in ausreichender Weise in den Lehrplänen der Schulen angekommen. Daher ist es wichtig, dass du als Elternteil die Aufgabe übernimmst.

Tipps zum Umgang mit digitalen Medien:

  • Entdecke das neue Medium gemeinsam mit deinem Kind. Zeige ihm, wie es ein Handy oder den PC bedienen kann, welche Funktionen es gibt und wie das Internet funktioniert.
  • Sprecht auf einer Vertrauensbasis über die Erlebnisse im Internet und erkläre deinem Kind, dass es vor dir keine Geheimnisse haben muss, sondern über alles mit dir reden kann.
  • Sensibilisiere dein Kind für die Handlungsweite im Internet. Sage ihm, dass es sich vor dem Veröffentlichen eines Fotos die Frage stellen soll, ob es dieses Foto auch an der Bushaltestelle aufhängen würde, wo es jeder sehen kann. Nur Fotos, für die es diese Frage mit „ja“ beantworten kann, darf es im Internet posten.
  • Sensibilisiere dein Kind für die Anonymität im Internet und erkläre ihm, dass es Menschen gibt, die Informationen und Fotos stehlen und sich zu diesem Zwecke als Vertrauensperson ausgeben.
  • Sprich mit deinem Kind über Mobbing und darüber, dass es mit Fotos, die es von Mitschülern oder Freunden erhält, respektvoll umgehen muss und diese nicht ohne Einverständnis weiterleiten darf.

Dir fällt es schwer, mit deinem Kind auf Augenhöhe zu sprechen und du hast das Gefühl, dein Kind nicht zu verstehen? Du benötigst Hilfe und weißt nicht, an wen du dich wenden kannst. Hier findest du Adressen, Anlaufstellen und Telefonnummern, die dir dabei helfen, die Beziehung zu deinem Kind zu stärken.